Energiewende: EPFL-Spin-off Vizcab erhält 1,75 Millionen Franken

Das französische Start-up wird die Kapitalspritze nutzen, um die Vermarktung einer an der EPFL Fribourg entwickelten Methode zur Ökobilanzierung von Gebäuden (Building Life Cycle Assessment, LCA) voranzutreiben.
© 2020 Tommi

Die bebaute Umwelt erzeugt 36 % der weltweiten Treibhausgase, was die Bauindustrie zu einem der vorrangigen Sektoren zur Verringerung von Emissionen macht. Thomas Jusselme, der im vergangenen März seine Doktorarbeit an der EPFL verteidigte, hat eine neue Methode entwickelt, mit der Ingenieure die Energieeffizienz eines Gebäudes bereits in der Entwurfsphase beurteilen können. Jusselme wird die Methode der Ökobilanz (LCA) nun über Vizcab, ein von ihm 2015 gegründetes Start-up-Unternehmen, vermarkten. Das Unternehmen hat gerade 1,6 Millionen Euro (1,75 Millionen Franken) aufgebracht.

«Mit dieser Kapitalspritze werden wir in Frankreich stärker Fuss fassen können», sagt Jusselme, der auch als Innovationschef von Vizcab fungiert. Das Unternehmen, das die Methode im Rahmen einer von der EPFL im Jahr 2017 erhaltenen Lizenz vermarktet, plant eine Finanzierungsrunde der Serie B in 18 bis 24 Monaten, um den europäischen Markt im Auge zu behalten.

Am Schnittpunkt der digitalen und ökologischen Übergänge

Die patentierte Methode erleichtert die Durchführung einer Ökobilanz in den frühen Phasen des Gebäudeentwurfs. «Unser Start-up arbeitet an der Schnittstelle zwischen dem digitalen und dem ökologischen Übergang», erklärt Jusselme. Architekten und Ingenieure können verschiedene Konstruktionsannahmen in eine von Vizcab entwickelte Webanwendung eingeben, die Tausende von Simulationen auf der Grundlage verschiedener Entwurfsparameter wie Heizung, Verglasung und Isolierung durchführt. Dieses datengesteuerte Modell ermöglicht es den Praktikern, Treibhausgasemissionsziele in die frühen Phasen des Entwurfsprozesses zu integrieren. Früher konnte man die Umweltauswirkungen eines Gebäudes erst berechnen, nachdem die Designentscheidungen feststanden.

Ein multidisziplinärer Ansatz

Die Methode wurde von Building2050 entwickelt, einem Team, das im Smart Living Lab der EPFL in Fribourg angesiedelt ist – einem Labor, das für seinen multidisziplinären Forschungsansatz bekannt ist. Das LCA-Modell stützt sich auf die neuesten Fortschritte in Bauphysik, Umweltwissenschaften, Maschinenbau, Datenwissenschaft, Statistik und Datenvisualisierung. «Ohne die Unterstützung von Building2050 und die wertvolle Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen wäre ich nicht in der Lage gewesen, diese Technologie auf den Weg zu bringen», sagt Jusselme. «Es ist die Art von Umgebung, die neue Ideen hervorbringt.» Der erste Prototyp wurde in Zusammenarbeit mit zwei Laboratorien der EPFL – dem Labor für integrierte Leistungen im Design (LIPID) und dem Labor für Architektur und nachhaltige Technologien (LAST) – sowie mit dem Labor EPFL+ECAL und dem Human-IST-Institut der Universität Freiburg (UNIFR) entwickelt.

Klimaneutralität bis 2050

Die neue Technologie von Vizcab ist ein Beispiel für perfektes Timing, im Gefolge des Europäischen Grünen Deals, der die Europäische Union zur Klimaneutralität bis 2050 verpflichtet. «Neue Regeln wie diese stellen zusätzliche Anforderungen an die Unternehmen», sagt Frédéric Pont, Technologietransfer-Manager der EPFL. «Die Gelegenheit ist reif für Start-ups, in die Lücke zu treten und den regulatorischen Druck auf die Unternehmen zu verringern.» Vor diesem Hintergrund könnte der Verkehr auf der Plattform von Vizcab – die derzeit 680 Nutzer hat – in den kommenden Jahren sehr stark ansteigen.

Die Ökobilanzmethode ist nur das Neueste in einer Reihe von Technologien, die aus den Labors der EPFL hervorgehen und die einen großen Einfluss auf die Industrie und die Gesellschaft insgesamt haben könnten. «Es ist immer erfreulich zu hören, dass ein Spin-off mit einer Technologie unter Lizenz der EPFL die Finanzierung gesichert hat», sagt Pont. «Und es ist eine besonders willkommene Nachricht inmitten einer globalen Pandemie und wirtschaftlicher Unsicherheit.»