«Tiefe Fallzahlen müssen unser Ziel sein»

Tanja Stadler, ETH-Professorin für Computational Evolution, arbeitet an vorderster Front bei der Bekämpfung des Coronavirus. Seit kurzem leitet sie in der Swiss National COVID-19 Science Task Force die Daten- und Modellierungsgruppe, die sich unter anderem mit den neuen Varianten von Sars-CoV-2 auseinandersetzt.
Tanja Stadler leitet seit kurzem die Daten-​ und Modellierungsgruppe in der Swiss National COVID-​19 Science Task Force. (Bild: ETH Zürich)

ETH News: Wie schnell breiten sich die neuen zwei Varianten aus Südafrika und England derzeit in der Schweiz aus?
Tanja Stadler: Die Variante 501Y.V2, die in Südafrika als erstes auftauchte, wurde bis jetzt nur vereinzelt in Stichproben nachgewiesen. B 1.1.7 – die Variante aus Grossbritannien –  machte in der dritten Januarwoche rund 10 Prozent aller bestätigten Fälle in der Schweiz aus. In manchen Regionen haben wir Hinweise auf einen noch höheren Anteil.

Sind Sie deswegen besorgt?
Die Situation entspricht dem, was wir aufgrund der Daten aus Grossbritannien erwartet haben. Die relative Häufigkeit von B 1.1.7 steigt in der Schweiz an, weil diese Variante einen Übertragungsvorteil hat. Was jetzt die grosse Frage ist: Steigt auch die absolute Anzahl der Ansteckungen durch B 1.1.7? Momentan sehen wir rund jede Woche eine Verdoppelung – von 700 Fällen in der zweiten Januarwoche zu 1300 in der dritten. In den nächsten Tagen sollten wir in den Daten sehen, ob die neuen Massnahmen vom 18. Januar die gewünschte Wirkung zeigen.

Wie beeinflussen die beiden Varianten den R-Wert? Lassen die beiden Varianten diesen in die Höhe schnellen?
Da der Anteil der Ansteckungen durch die neue Variante momentan noch bei rund 10 Prozent liegt, wird der R-Wert momentan noch von bekannten Varianten dominiert. Aber wenn die Ansteckungen durch die neue Varianten im mittleren zweistelligen Bereich sind, werden wir deren Auswirkung auf den R-Wert stark sehen.

Und wann ist es so weit?
Wir rechnen damit, dass im März B 1.1.7 die dominante Variante ist.
 

«Niedere Fallzahlen bedeuten, dass weniger Viren zirkulieren und so SARS-CoV-2 weniger Chancen hat, Varianten zu entwickeln, welche die Impfung weniger wirksam machen»      Tanja Stadler

Haben wir überhaupt eine Chance, die beiden Varianten zu bremsen?
Für B 1.1.7 deuten alle Daten darauf hin, dass diese Variante einen Übertragungsvorteil hat. Ohne gezielte Massnahmen, wie zum Beispiel intensive Kontaktnachverfolung bei Fällen, welche auf B 1.1.7 zurückzuführen sind, wird diese Variante daher weiter an relativer Häufigkeit zunehmen. Wir müssen aber realistisch sein: Die gezielte Kontaktnachverfolgung über die Weihnachtsferien, zu einem Zeitpunkt als noch wenige Fälle bekannt waren, konnte die Ausbreitung nicht stoppen. 

Gibt es weitere Varianten, die Ihnen Sorge machen?
Leider ja. 501Y.V3 wurde in Brasilien charakterisiert. Diese Variante breitet sich in Brasilien rasch in Gegenden aus, wo schon vorher viele Leute infiziert waren. Laboranalysen deuten darauf hin, dass die Immunantwort von bereits Infizierten nicht mehr so gut funktioniert. Das würde bedeuten, dass das Risiko einer Wiederansteckung mit SARS-CoV-2 erhöht sein könnte. 

Warum tauchen jetzt plötzlich Varianten auf, die entscheidend sind für das epidemiologische Geschehen?
Varianten entstehen immer - das Virus mutiert im Schnitt alle zwei Wochen. Und je mehr Viren global zirkulieren, desto mehr Varianten entstehen. Was uns interessiert: Entstehen Varianten mit neuen Eigenschaften? Wir interessieren uns insbesondere für Varianten mit veränderter Übertragungswahrscheinlichkeit, für Varianten welche den Krankheitsverlauf verändern und für Varianten welche eine Immunantwort aufgrund von vorheriger Infektion oder Impfung abschwächen.

Welche Rolle spielt dabei das Monitoring?
Es ist absolut zentral, denn nur so können wir neue Varianten schnell erkennen. Das ist besonders in der Impfphase extrem wichtig: Wir müssen Varianten, für welche die Impfwirkung reduziert sein könnte, sehr schnell erkennen. Von März bis in den November 2020 haben wir wöchentlich ca. 100 Proben sequenziert. Dass waren im Sommer 3-7% aller Fälle. Während der 2. Welle stiegen die Neuinfektionen aber so schnell an, dass dieser Prozentsatz dementsprechend fiel. Seit den Weihnachtsfeiertagen haben wir die Kapazität auf ca. 1000 Proben pro Woche aufgestockt. Hier haben MitarbeiterInnen der ETH einen fantastischen Einsatz gezeigt und während der Feiertage mit Hochdruck im Labor und am Laptop gearbeitet!

Hat die Impfung einen Einfluss auf die Bildung neuer Varianten?
Mit jedem Eingriff – und das ist eine Impfung – entsteht ein weiterer Selektionsdruck auf das Virus. Das sehen wir beispielsweise bei der saisonalen Grippe: Es entkommt jährlich unserer Immunantwort. Oder bei Bakterien: Sie werden resistent gegenüber Antibiotika. So wird auch Sars-CoV-2 sich weiterentwickeln.

Aktuell sinken die Fallzahlen, was heisst das für die Impfung?
Tiefe Fallzahlen haben zahlreiche Vorteile – ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen, beantworte die Frage aber im Bezug aufs Impfen: Das Gesundheitspersonal ist weniger mit Covid-Fällen beschäftigt, ist selber gesund und kann auch für Impfkampagnen eingesetzt werden. Weite Teile der Bevölkerung sind gesund und können geimpft werden. Kranke können ja nicht geimpft werden. Und: Niedere Fallzahlen bedeuten, dass weniger Viren zirkulieren und so SARS-CoV-2 weniger Chancen hat, Varianten zu entwickeln, welche die Impfung weniger wirksam machen. Tiefe Fallzahlen müssen unser Ziel sein.