Masken – ja oder nein?

Michael Hengartner ist Präsident des ETH-Rats – und damit so etwas wie der Chef-Forscher der Schweiz. In seiner Kolumne erklärt er Wissenswertes aus der Wissenschaft. Diese Woche: Was Masken nützen.

Sollen wir nun – oder sollen wir nicht? Die Frage der Schutzmasken löst in der Schweiz viel Verwirrung aus. Bei der Bevölkerung, aber auch bei Expertinnen und Experten.

Die erste Frage ist: Was bringen die Masken? Die Antwort ist … nicht ganz einfach. Gegen Tröpfchen sind Schutzmasken relativ effizient. Wenn ich niese, hält eine Maske viele Tröpfchen zurück, die sonst jemand anderem ins Gesicht fliegen könnten. Auch gegen Tröpfchen, die ich einatmen könnte, schützt die Maske relativ gut.

Anders sieht es bei den Aerosolen aus. Aerosole sind winzig kleine Partikel in der Luft. Wenn ich ausatme, verlässt nicht nur klare Bergluft meine Lungen, sondern auch kleinste Teilchen (vor allem Staubpartikel), die ich zuvor eingeatmet habe. Eine Maske filtert einen Teil meiner Atemluft – der Rest geht durch die Ritzen zwischen der Maske und meinem Gesicht. Ob bei den Aerosolen auch Coronaviren mitfliegen, ob ich so jemanden anstecken kann, wissen wir aber ganz einfach noch nicht. Das ist ja überhaupt das Problem mit Covid-19: Es gibt sehr vieles, das wir noch nicht wissen.

Masken nützen also sicher etwas, wie viel ist aber nicht klar. In solchen Fällen sagt man in der Schweiz gern, «Nützt's nüt, so schadt's nüt», und geht auf Nummer sicher. Trotzdem hat der Bund (noch) keine Maskenpflicht verordnet. Aus zwei Gründen.

«Masken können eine falsche Sicherheit vermitteln.»      Michael Hengartner

Erstens gibt es nicht unendlich viele Masken. Schon heute werden täglich rund 2 Millionen Masken verbraucht – und zwar vor allem von Ärzten, Pflegerinnen, Hebammen, Spitex und anderen, die sie dringend brauchen. Kauft die Bevölkerung ebenfalls Masken en masse, kann es sein, dass es am Ende zu wenige hat, und das könnte dramatisch enden. Bilder von Ärztinnen und Pflegern, die sich mit improvisierten Pseudo-Masken schützen müssen, weil sie keine richtigen erhalten, wollen wir in der Schweiz definitiv nicht sehen!

Das zweite Problem ist, dass Masken eine falsche Sicherheit vermitteln können. Plötzlich hält man weniger Distanz, wäscht sich die Hände nicht mehr so gründlich, fasst sich wieder mehr ins Gesicht oder bleibt weniger daheim. Dabei sind Hygiene und Zu-Hause-Bleiben die besten und sichersten Mittel.

Ob mit Maskenpflicht oder ohne: Sicher ist, dass wir sehr viele Masken brauchen werden. Der Bund rechnet damit, dass wir im Verlauf der Pandemie etwa 135 Millionen Masken brauchen werden – nur schon für das medizinische Personal. Soll die ganze Bevölkerung Masken tragen, brauchen wir sogar 360 Millionen! Forscherinnen und Forscher arbeiten darum mit Hochdruck daran, neue Masken zu entwickeln, die einen noch besseren Schutz bieten und sich länger verwenden lassen.

An der Empa beispielsweise testet Professor René Rossi virenabweisende Beschichtungen und Sterilisationsmethoden, welche die Lebensdauer der Masken verlängern. Auch spezielle Membranen, die für das Virus undurchlässig sind, werden bei der Empa untersucht. Rossi und sein Team arbeiten derzeit praktisch Tag und Nacht. Ich wünsche ihnen viel Erfolg!

Der Beitrag erschien ursprünglich im SonntagsBlick.