Wahlen und Cyberspace: Gefahr für Demokratien?

Ein EPFL-Professor vergleicht die digitale Desinformation mit dem Problem des Klimawandels und wirft die Frage auf, ob wir den Point of no Return bereits überschritten haben.
© 2020 EPFL

Nur noch wenige Wochen bis zu den Wahlen in den USA im Jahr 2020 und wir erinnern uns an die aggressiven Bemühungen Russlands, zugunsten von Donald Trump in das Präsidentschaftsrennen 2016 einzugreifen – da ist die Frage der Manipulation von Wählerinnen und Wählern im Cyberspace ein brandaktuelles Thema.

Auf einer kürzlich vom C4DT (Center for Digital Trust) der EPFL veranstalteten und live übertragenen Konferenz, an der einige der weltweit führenden Experten für Cybersicherheit, Fake News und Demokratie teilnahmen, hiess es, dass die Bürgerinnen und Regierungen ihr Gefühl für die Gefahr wiedererlangen müssten und unverzüglich etwas gegen dieses riesige und wachsende Problem unternehmen sollten.

«Die Manipulation von sozialen Medien ist ein Problem, wo immer es soziale Medien gibt, und es gibt sie überall.»      Dr. Rebekah Overdorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der EPFL

Im Fokus der Überlegungen stehen die Plattformen der Sozialen Medien, mit denen die meisten von uns tagtäglich zu tun haben. Wie Dr. Rebekah Overdorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Labor für verteilte Informationssysteme, das zur Fakultät für Informatik und Kommunikation der EPFLgehört, sagte: «Die Manipulation von sozialen Medien ist ein Problem, wo immer es soziale Medien gibt, und es gibt sie überall.»

Gegenwärtig untersucht Overdorf die Cyber-Desinformation und Wahlbeeinflussung in der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisistan, die zwischen Russland und China liegt und manchmal als «Insel der Demokratie» bezeichnet wird. Wie sie auf der Konferenz sagte, «wird über die Auswirkungen der Manipulation durch soziale Medien auf die Demokratie fast ausschliesslich in den Vereinigten Staaten oder Westeuropa geforscht, aber diese Art der Manipulation findet überall auf der Welt statt, daher ist es wichtig, sie auch in nicht-westlichen Kontexten zu untersuchen».

Anfang dieses Monats trat der Premierminister Kirgisistans zurück nach einer Woche von Protesten gegen die Wahl vom 4. Oktober, von der Oppositionsgruppen sagten, sei weitgehend manipuliert und Wähler unterdrückt worden. Overdorf sagte, ihre Untersuchung konzentriere sich auf die Manipulation von Facebook, womit im Vorfeld der Wahl gefälschte Nachrichten und andere Desinformationen verbreitet wurden: «Mit einem lokalen Team von Journalistinnen, Studierenden und Aktivisten haben wir uns die drei wichtigsten Methoden zur Informationskontrolle angesehen: Lärm – um gegnerische Stimmen mit gefälschten Berichten wie z.B. Trollfarmen zu übertönen; Desinformation – gefälschte Nachrichten, um Vertrauen zu zerstören, was funktionieren kann, wenn das Publikum in Alarmzustand oder entrechtet ist; und Angriffe – z.B. das öffentliche Zurschaustellen der Sexualität eines Kandidaten, nicht nur mit dem Ziel, dieser Person zu schaden, sondern um bei anderen die Angst zu erzeugen, dass sie ebenfalls angegriffen werden könnten, wenn sie sich zu Wort melden.»

«Wir sollten die Produktion von Qualitätsinformationen und ihren Konsum durch Bildung und digitale Kompetenz fördern, damit die Menschen ihre Wechselwirkung mit der Demokratie schätzen und verstehen.»      Karl Aberer, EPFL-Professor

Ein anderer Redner, Steve El-Sharawy, der Leiter von Insights bei EzyInsights, sagte an der Konferenz, dass die globale Manipulation ausser Kontrolle geraten sei. «Im Jahr 2019 berichtete Facebook, dass es 2,19 Milliarden gefälschte Konten entfernt habe. Das bedeutet, dass es eine Menge gefälschter Konten gibt, aber diese Zahlen müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Das bedeutet nicht, dass Facebook alles entfernt hat. Sind es 50 % der gefälschten Konten, oder sind es 25 % oder 99 %? Auf jeden Fall gibt es immer noch eine Menge gefälschter Konten.» Er fuhr fort, dass die sozialen Medienplattformen vom Ausmass der Manipulation überwältigt seien, aber da es nirgendwo auf der Welt eine formelle Meldepflicht über irgendeinen Aspekt der Informationsmanipulation gebe, sei es derzeit praktisch unmöglich, die Grösse und das Ausmass des Problems zu definieren.

Professor Karl Aberer von der EPFL, ebenfalls vom Labor für verteilte Informationssysteme, forderte die Gesellschaft auf, nicht nur eine defensive Haltung gegen die Cybermanipulation durch Gesetzgebung/Regulierung einzunehmen, sondern auch einen offensiven Ansatz zu verfolgen: «Die Anreize, qualitativ hochwertige Informationen zu konsumieren, nehmen ab, weil man normalerweise dafür bezahlen muss und die Menschen durch Social-Media-Plattformen verwöhnt werden, da sie Informationen kostenlos erhalten. Wir sollten die Produktion von Qualitätsinformationen und ihren Konsum durch Bildung und digitale Kompetenz fördern, damit die Menschen ihre Wechselwirkung mit der Demokratie schätzen und verstehen.»

Aber abschliessend machte er sich auch Sorgen, dass es vielleicht zu spät ist: «Das ganze Thema [der digitalen Desinformation] erinnert mich daran, was mit dem Klimawandel geschieht und ob die Beteiligten sich zusammenreissen und einige schwerwiegende Entscheidungen treffen können, die wehtun, bevor wir an den Punkt kommen, an dem es kein Zurück mehr gibt und wir das Problem nicht mehr lösen können – und damit meine ich, dass die Demokratien so beschädigt wurden, dass sie sich wahrscheinlich in andere Systeme verwandeln, die wir im Moment nicht sehen wollen.»

Mehr Informationen

Die Konferenz « Manipulating elections in cyberspace: Are democracies in danger?» war eine gemeinsame Veranstaltung von C4DT, des CyberPeace Institute und CTEI, die hier nachgeschaut werden kann.